The Voice of Germany - DSDS für Leute mit Schulabschluss?
Als Mensch mit jeder Menge Zeit und Intresse an der Musik bin ich Casting Shows grundsätzlich nicht abgeneigt. Beziehungsweise war ich es, nach mittlerweile 10 Jahren DSDS, Popstars und ähnlichen Formaten, veränderte sich das Intresse zu Skepsis, die Skepsis zur Deintresse und das Desintresse schließlich zur Ablehnung.
Ende 2011 dann aber der ersehnte Umbruch - zumindestens auf dem Papier. Eine neue Sendung, bei der nur die Musik zählen soll. Keine schweren Schicksale, keine dramatische musikalische Untermalung gepaart mit nervenzerreißenden Schwarz-Weiß-Aufnahmen, kein Verspotten der Kandidaten. “The Voice of Germany”. Als Germanist war mein erster Gedanke: Warum nicht “Die Stimme Deutschlands” oder “Deutschlands Stimme”, warum wieder ein englischer Titel? Die Antwort ist einfach: Ein hippes “V”, bestehend aus Zeige- und Mittelfinger, früheren Generation noch als “Peace”-Zeichen aus der 68er Generation bekannt, fungiert als Logo. Alles klar, “S” und “D” mit den Fingern einer Hand zu formen, wird schwierig.
Das Konzept, übernommen aus der holländischen Version “The Voice of Holland”, bietet dem gelangweilten Zuschauer sogar ein paar Neuerungen. So sollen die “Coaches” eine persönliche Bindung zu den Teilnehmern eingehen, ihre Erfahrungen weitergeben - sprich, es soll ein Umgang mit den Kandidaten, wie ihn Mitglieder der DSDS Jury pflegen, vermieden werden. Schöne Idee. Doch wenn Kandidaten von den “Coaches” nicht genommen werden, weil diese befürchten, den “Talenten” nichts mehr beibringen zu können, fragt man sich, ob das mit dem Konzept der Sendung vereinbar ist. Doch Respekt für diese Ehrlichkeit.
Allgemein fällt stark auf, dass Kritik an den Kandidaten bei “The Voice of Germany” scheinbar unerwünscht ist. Jeder Auftritt wird mit Superlativen überschüttet , schiefe Töne werden zur eigenen Interpretation - was natürlich löblich ist! - und selbstverständlich wird das Sendeformat konsequent hochgejubelt, die Jury scheint sehr von sich überzeugt. Die Stimmung im Studio wirkt euphorischer als das Parkstadion am 19.05.2001 gegen 17:15 Uhr.
Darüber hinaus wird zunächst einmal jeder Kandidat als “Talent” verkauft, wobei viele der Teilnehmer jahrelange Musikerfahrung auf teils sehr hohem Niveau haben und somit weit über den Talent-Status hinaus sind.
Das Unerträglichste aber ist die Moderation. Vor jeder Show, nach jeder Werbung, vor jedem Song wird dem Zuschauer das komplexe Regelwerk erklärt.
“Dreht sich eines der Jury Mitglieder um, kommt der Kandidat weiter!”…”Es muss sich jemand umdrehen, damit der Kandidat die nächste Runde erreicht”. Schwer zu verstehen, da kann man sich schon mal dezent überfordert fühlen. Gut, dass Rücksicht auf die Generation Internet genommen wird, die das Kurzzeitgedächtnis scheinbar gegen google getauscht hat. Gefällt mir!
Doch was sich auch alles aussetzen lässt, schlecht ist “The Voice of Germany” keinesfalls. Es ist nur schade, dass auch hier der Zuschauer geblendet werden soll. Es wird zu dick aufgetragen. Würde die Sendung einfach nur zu dem stehen, was sie macht und einen fähigen Moderator an Bord haben, könnte man sich das Ganze guten Gewissens ansehen. So aber wird die anfangs erwähnte Ablehnung zum Unverständnis: Warum muss immer so maßlos übertrieben werden?
Vielleicht in der nächsten, sicherlich kommenden Staffel - oder dann im nächsten Sendeformat.